Kunstvolle Wege zur Integration
Von Ursula Grütter. Aktualisiert am 09.03.2010
«Ich bin ein von der Bildhauerei besessener Mensch und damit eine Ausnahmeerscheinung. Auch Menschen mit Behinderungen sind Ausnahmeerscheinungen. Das hat uns verbunden.» Mit diesen Worten fasste Schang Hutter am Sonntag seine Eindrücke von der Zusammenarbeit mit Behinderten zusammen. Pro Infirmis und das Möbelhaus Pfister hatten zur Vernissage in die Galerie 35 nach Lyssach geladen. Hier sind in den nächsten Wochen Wer-ke verschiedener Künstler zu sehen.
Die Ausstellung ist so aufgebaut, dass jeweils ein Werk des Nichtbehinderten, eine Arbeit des Behinderten und ein gemeinsames Kunstobjekt nebeneinander platziert sind. Vom Cartoonisten Pfuschi über den Töpfer Beat Staehli bis zum Maler Jakob Jenzer machten viele bekannte Kunstschaffende mit und sind dabei auf weniger bekannte Künstler wie Beat Vonlanthen und Bajram Mahmuti gestossen. Insgesamt 75 Bilder, Skulpturen, Keramiken, Cartoons, Scherenschnitte und Fotografien sind so in einer halbjährigen Zusammenarbeit entstanden. Initiiert wurde das Projekt «mehrlebenswert» von der Behindertenorganisation Pro Infirmis, im Rahmen ihres 75-Jahr-Jubiläums. Der Verkaufserlös wird zu hundert Prozent dem Direkthilfefonds für Menschen mit einer psychischen Behinderung zugutekommen.
Den Künstler herausholen
Bevor die Ausstellung im April weiter ins Seelandheim Worben zieht, kann sie im Restaurationsbetrieb des Möbelhauses Pfister Lyssach besichtigt werden. Gleich beim Eingang sind auch drei Bilder von Ernst und Christian Oppliger ausgestellt. Der Vater und der Sohn fanden sich erstmals als Kunstschaffende. Der international bekannte Scherenschnittkünstler Ernst Oppliger ist durch die modernen Formen seiner Schnitte bekannt geworden. Dass sein behinderter Sohn sehr gute Zeichnungen machte, fiel dem Vater seit längerem auf. «Als wir dann vom Projekt ‹mehrlebenswert› hörten, war das für mich der ideale Grund, den Künstler aus meinem Sohn herauszuholen», sagt Oppliger. Und sein Sohn fügt an: «Ich arbeite in Thun und bin abends jeweils todmüde. Im Kopf sind schon Ideen da, aber ich bringe sie dann einfach nicht mehr hervor.»
Die Techniken der beiden unterscheiden sich deutlich, und sie bezeichnen sie als «Schnitt-Punkt». Während der Vater mit Messer und Schere arbeitet, stanzt der Sohn Löcher. In der Ausstellung zeigt Christian Oppliger ein Bild, in dem ein Kopf und Arme dargestellt sind. Es sei eine Seele mit all den verschieden Gefühlen, die sie bewegten, erklärt er. «Man kann sagen, das ist der Christian-Oppliger-Stil», fügt er an. Und aus diesem wurde in Zusammenarbeit mit dem Vater ein Oppliger-Oppliger-Stil.
Ein Inserat im Bild
Das gemeinsame Werk greift ein Thema auf, welches den jungen Mann zurzeit stark beschäftigt. «Unserer Hausgemeinschaft ist gekündigt worden, und jetzt suchen wir ein Haus mit acht Wohnungen», erklärt er. In versteckter Form hat Christian Oppliger ein Inserat in Punkteform in das Bild eingefügt. «Wir suchen ein Haus», steht da, und auch die Menschen fehlen im bildlichen Haus nicht. Einzig auf die Mauern verzichtet er: Denn Mauern schränken manchmal den Blick ein.

