«Das Herz eines Mädchens»
Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 04.02.2010
In «Meisterklasse» schlüpfen Sie in die Haut der Opern-Ikone Maria Callas. Haben Sie in ihr vorher eher die unvergleichliche Sängerin oder die tragische Figur gesehen?
Heidi Maria Glössner: Anfang der Sechzigerjahre, als Maria Callas mit Aristoteles Onassis zusammen war, war sie ja dauernd in den Medien. Als junge Frau faszinierte mich diese Glamourwelt. An einen Tag erinnere ich mich bis heute, es war nämlich mein Geburtstag und der Tag meiner ersten Theaterpremiere in Bern: Am 20. Oktober 1968 heiratete Onassis Jackie Kennedy. Mir erschien das ungeheuerlich, da ich Callas und ihn immer als Liebespaar wahrgenommen hatte. Ich dachte, warum tut er ihr das an? Ich habe Maria Callas aber immer gleichzeitig als glamouröse Diva und als tief bewegende Sängerin wahrgenommen. Denn ich hatte jedes Mal Hühnerhaut, wenn sie sang – bis heute.
Die Callas wurde ja als Göttin verehrt. Wie verkörpert man als Schauspielerin einen Mythos?
Ich habe alles gesehen und gelesen, was es über Callas gibt. Aber das wahre Futter für die Rolle nehme ich aus ihrem Gesang. Man spürt da die Leidenschaft, die Suche nach Wahrhaftigkeit. Sie foutierte sich darum, ob es schön klingt. Diese totale Hingabe nimmt mich als Schauspielerin restlos gefangen. Vor zwölf Jahren spielte ich «Meisterklasse» ja schon einmal in der Mansarde des Stadttheaters. Weil die grosse Bühne besetzt war, mussten wir dorthin ausweichen. Ich ging fast drauf dabei: diese Emotionen in diesem engen Raum – ich wollte die Wände einreissen!
Was für Hebel mussten Sie in Bewegung setzen, um die Callas noch einmal spielen zu können?
Keine. Die neue Stadttheater-Direktion ist ja absolut reizend: Man fragte mich, ob ich einen Wunsch hätte. Und der war natürlich, die Callas noch einmal auf der grossen Bühne zu spielen.
Im Stück unterrichtet die Diva junge Sänger. Als was für eine Frau erscheint Callas bei Terrence McNally?
Was mich an dieser Rolle immer wieder erschüttert, ist die Einsamkeit und die totale Verletztheit dieser Frau – und die Contenance, die sie nach aussen stets wahrte. Sie war die professionellste aller Sängerinnen und auf der Bühne die grosse Diva, aber privat hatte sie das Herz eines kleinen Mädchens. Diese Diskrepanz zwischen der Verletzlichkeit und der harten Schale, das ist die Herausforderung für eine Schauspielerin. Deshalb komme ich nicht los von dieser Rolle.
Nach Jackie Kennedy in Elfriede Jelineks «Jackie» spielen Sie nun schon die zweite Frau von Aristoteles Onassis. Was halten Sie – die Sie in die Haut beider Frauen geschlüpft sind – von diesem Mann?
Man tut ihm unrecht, wenn man ihn nur als grobschlächtig, vulgär und habgierig darstellt. Ich hörte von Leuten, die ihn gekannt haben, dass er ein absolut faszinierender, sehr gebildeter, sinnlicher Mensch gewesen sei, der aber auch eine ganz vulgäre Seite gehabt haben muss und ausdauernd und laut streiten konnte, auch mit Maria Callas. Aber trotzdem muss er ein Faszinosum von Mann gewesen sein. Jede Frau bekam weiche Knie bei ihm.
Gibt es Parallelen zwischen Jackie und Maria Callas?
Ja, die Einsamkeit und die Verletztheit. Nur: Maria Callas sehe ich als leidenschaftliche Tigerin, Jackie hatte etwas Puppenhaftes.
«Meisterklasse» bietet einen Einblick ins Opernfach. Wie verbunden sind Sie der Oper?
Ich bin seit meiner Jugend Opernfan. Und seit ich das erste Mal die Maria Callas gespielt habe, höre ich anders zu. Es gibt im Stück eine Szene, in der sie sagt, «ich höre überhaupt keine Konsonanten, Sie singen in Sanskrit». Wenn Sänger eine faule Aussprache haben, macht mich das nun auch rasend. In diesem Stück werden viele intelligente Dinge übers Singen gesagt, und über Darstellung überhaupt.
Um ein Star zu werden, brauche es Talent, Fleiss und kompromisslose Hingabe an die Kunst, sagte Callas. Was sehen Sie als Schlüssel zum Erfolg?
Heute braucht es wahrscheinlich vor allem Ellenbogen und Beziehungen, neben dem Talent natürlich. Für mich zählte die totale Hingabe an die Arbeit immer am meisten. Es war mir nie das Wichtigste, im Rampenlicht zu stehen. Während der Kantonsschulzeit gehörte ich einer Theatergruppe an, in der wir nur für uns, ohne Publikum spielten. Einfach nur aus dem Drang heraus, zu spielen, sich zu verwandeln. Und das ist bis heute das Faszinierende an dem Beruf. Die grosse Karriere wurde mir in jungen Jahren angeboten. Aber ich hatte Angst davor, in dem Geschäft verloren zu gehen. Ich bin ein viel zu verständnisvoller Mensch, ich verstehe immer auch den Gegner. Es ist ja schliesslich mein Beruf, mich in andere hineinzudenken.
Sie waren 20 Jahre im Ensemble des Stadttheaters und auch im Film tätig. Was steht beruflich noch an?
Theater und Film ergänzen sich im Moment wunderbar. Am Stadttheater bin ich fast ein ständiger Gast, spiele wunderbare Rollen, demnächst in Heiner Müllers «Quartett». Zudem werden bald Fernseh-Filme ausgestrahlt, die ich im Sommer gedreht habe. Seit ich pensioniert bin, habe ich das Privileg, auch mal Nein sagen zu können. Der Ruhestand ist aber nicht in Sicht. Es braucht in Theater und Film Menschen in jedem Alter.

