Vermessung des Weltuntergangs

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 09.03.2010

Enthüllungsjournalismus der andern Art dokumentiert der Reportageband «Im Land des Unbehagens» von Daniel Di Falco und Adrian Moser. Im Kornhausforum läuft dazu eine Ausstellung.

«Diese Reportagen sind Expeditionen in unerforschte Kontinente», schreibt Margrit Sprecher im Nachwort. (zvg)

«Diese Reportagen sind Expeditionen in unerforschte Kontinente», schreibt Margrit Sprecher im Nachwort. (zvg)


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«Wer mehr wissen will, muss Biskuits kaufen.» Mit diesem Satz unterbricht der «Bund»-Journalist Daniel Di Falco seine Schilderungen vom Strand, wo einst die Alliierten landeten. Zusammen mit dem Fotografen Adrian Moser war Di Falco an der Utah Beach in der Normandie unterwegs, in einer Region, die «ausser Cidre, Camembert und Calvados als Spezialität auch den Krieg produziert». Als Historiker kennt sich Di Falco in der Geschichte des D-Day aus, sowohl in den Fakten als auch in den Legenden. Und so bröckelt in seinen Beobachtungen auf und neben den Trampelpfaden der Touristen am Atlantikstrand die Geschichtsklitterung genauso wie das Heldenpathos: «Man könnte auf die Idee kommen, die Flugzeuge der Alliierten hätten gleich auch die ganzen Denkmäler abgeworfen.»

Investigativer Journalismus der andern Art betreibt Di Falco. Kein rasender Reporter ist der «Bund»-Journalist, Sensationen interessieren ihn nicht, Nebensächlichkeiten dagegen schon. Ihnen begegnet er mit der gleichen Unvoreingenommenheit wie historischen Monumenten. Und umso länger ist dafür die Halbwertszeit seiner Geschichten.

Die Reportage «Letzte Ausfahrt Utah Beach», die 2004 zum 60-Jahr-Jubiläum des D-Day im «Kleinen Bund» erschienen ist, liegt jetzt im prächtigen Bildband «Im Land des Unbehagens» vor. Dreizehn Reportagen aus den Jahren 2004 bis 2008, die für das Buch alle überarbeitet, aktualisiert und erweitert wurden, haben Di Falco und Moser für ihr «kleines Panorama der Zivilisation» ausgewählt.

«Die leere Mitte der Schweiz»

Eine kurze unterhaltsame Kulturgeschichte der Gegenwart in fünf Kapiteln ist dieses Panorama: Es reicht von der unerhörten Liebeserklärung an ein «Objekt im Nullzustand», die Glühbirne, bis zur Zerlegung der Waffenschmiede auf Usedom, löst beiläufig das Rätsel, warum Ikea so viele Tischlämpchen im Sortiment hat oder verrät, warum die Engländer nicht ganz unschuldig an der Verschandelung der belgischen Küste sind. Lauter Reportagen, die nichts von ihrer Unmittelbarkeit und Aktualität eingebüsst haben und die belegen, wie sich die Dimensionen gewaltiger Ereignisse mit simplen Alltagsdingen abmessen lassen.

Dabei verblüfft der Historiker mit seinen nonchalant formulierten Schlussfolgerungen: Wenn er zum Beispiel im Luzerner Sonnenberg, dem Vorzeige-Zivilschutzzentrum der Schweiz, die Liquidation des Kalten Kriegs verfolgt und zum Schluss kommt, dass da ein Land seine Angst vor dem Weltuntergang beruhigt, indem es sie in tausend praktische Fragen auflöst.

Di Falcos lakonischer Ton schwingt in den Bildern von Adrian Moser weiter. Es ist nicht nur das Interesse an Bunkern, das die beiden teilen. Auch der «Bund»-Fotograf ist bei den Reportagen nicht auf Spektakuläres aus. Ihm entgeht dafür der Freiwillige nicht, der mit leidenschaftlicher Gründlichkeit den Rasen auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Frankreich mäht, oder der Gärtner, der sich um das korrekte Aussehen eines Bombenkraters kümmert. Mit Mosers Bildern wird die «leere Mitte der Schweiz», wie Di Falco die Rütliwiese erlebt, noch fassbarer, so wie die schwärende Wunde, die der EU-Apparat Brüssels Stadtbild zugefügt hat.

Langstreckenjournalismus

Ergänzt wird die Reportagesammlung mit einem klugen Nachwort der Zürcher Journalistin Margrit Sprecher, damals Mitglied jener Jury, die sich fragte, ob sie ein falsches Signal aussende, wenn sie Di Falcos Text «Ottos Arche» mit dem BZ-Preis für Lokaljournalismus auszeichne, weil in den Zeitungen für Langstreckenjournalismus immer weniger Platz sei. Die Reportage über einen Rentner, der sich am Jurasüdfuss den Traum von einer selbst gebauten Hochseejacht verwirklicht, ist nun das fulminante Finale einer Reportagesammlung, die den Langstreckenjournalismus zur Königsdisziplin macht.

Daniel Di Falco, Adrian Moser. «Im Land des Unbehagens». Verlag Palma3, Bern 2010. 234 S., Fr. 42.50. Die Ausstellung zum Buch im Kornhausforum Bern dauert bis 27. März. Vernissage: Morgen Mittwoch, 24. Februar, 18 Uhr. Lesung und Diskussion (Moderation Bernhard Giger): 23. März, 19.30 Uhr.

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