Fiktiver Mord im friedvollen Dorf
Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 09.03.2010
«Er wohnte oberhalb des Dorfes (...). Sie konnte den Weg durch das Dorf wählen oder von der anderen Seite heranfahren. Sie entschied sich für Letzteres, fuhr links aus Burgdorf hinaus, überquerte die Emme, kam an einer kleinen Kapelle vorbei, bog bald darauf rechts in eine Nebenstrasse ein, die in den Wald hinaufführte, Richtung Lueg. (...) Sie war alleine unterwegs. Ruhiges Landleben, dachte Lisa Kunz.» – Das ruhige Landleben täuscht: Christine Brand beschreibt in «Todesstrich», ihrem ersten Krimi, den Weg nach Heimiswil zum Mörder. Der ledige Bauer wohnt oberhalb des Emmentaler Dorfs, ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und im Vorstand des Kegelvereins. Nach den Feuerwehrübungen trifft er sich mit den anderen – ahnungslosen – Männern im Landgasthof Löwen zum Bier.
Die «Löwen»-Wirtin Rosa gibt es nicht. Eine freundliche Frau weist den einzigen Gästen an diesem Nachmittag den Weg in die Gaststube – einen der real existierenden Schauplätze. «Ich habe selber gerne Krimis, die an Orten spielen, die ich kenne», sagt die Burgdorferin Brand. Der ausgediente grüne Kachelofen ist ebenso vorhanden wie der ovale Stammtisch mit dem grossen Gusseisenaschenbecher in der Mitte.
Die Parallelmontage
In «Schattentaten», dem ersten Buch der «NZZ am Sonntag»-Journalistin, arbeitete Brand wahre Kriminalgeschichten auf. Auch in «Todesstrich» habe sie sich von einem wahren Verbrechen inspirieren lassen, einem Prostituiertenmord in Zürich. Nur ein Kriminalroman sei ihr erstes fiktives Werk aber nicht. «Es ist auch ein Gesellschaftsroman.» Brand lässt unterschiedliche Welten aufeinanderprallen: das bäuerliche Leben in Heimiswil und drogensüchtige Frauen, die ihren Körper auf dem Strassenstrich an der Berner Bundesgasse anbieten, um sich den nächsten Schuss Heroin finanzieren zu können. «Es ist eine Art Parallelmontage», sagt Brand und benutzt als ehemalige «Rundschau»-Redaktorin die Sprache der Fernsehmacher.
Die Beschreibung der Welt der Drogenstricherinnen wirkt authentisch. Sie habe profitiert von Reportagen, die sie als Journalistin über den Drogenstrich geschrieben habe. So existiert etwa der Strassenbus, ein Zufluchtsort für die drogensüchtigen Prostituierten, in der Bundesstadt tatsächlich. Und Brand hat als «Bund»-Journalistin darüber berichtet. Die Männer in ihren Autos mit den Kindersitzen auf den Rücksitzen habe sie nicht erfunden, jeder könne sie sehen. «Die Journalistin drückt durch», sagt Brand. Alles sei sehr nahe an der Realität, so hätte sich die Geschichte auch ereignen können.
Zwischendurch reisst dieser hohe Realitätsanspruch die Leserin aber auch aus der spannenden und gut gestrickten Geschichte heraus. Was interessieren die Stadtpräsidentenwahl von Burgdorf, das Rauchverbot im Kanton Bern oder das Budget der Kantonspolizei, wenn man nur wissen möchte, ob die Kommissarin Lisa Kunz dem Mörder nun endlich auf die Schliche kommt?
Die dritte Welt in «Todesstrich» gehört Lisa Kunz. Eine erfolgreiche, gut aussehende Frau, die gerade den Chefposten im Dezernat Leib und Leben der Kantonspolizei Bern übernommen hat und nun ihren ersten grossen Fall auf dem Tisch hat. Zu Hause hat die überarbeitete Kommissarin einen Ehemann, der für sie kocht – ob sie nun Zeit zum Essen hat oder nicht. «Sie ist sehr ehrgeizig, sonst wäre sie nicht so weit gekommen», sagt Brand anerkennend über «ihre» Kommissarin. Das Aussehen habe sie bei einer Kollegin geliehen, nur wenig von ihrem Wesen sei von ihr. Etwa die Kindheitserinnerung der Lisa Kunz sei ihre eigene Erinnerung. «Und jedes Mal, wenn sie unterhalb des Thorbergs durchfuhren, hatte die Mutter ihr die alte Liebesgeschichte erzählt», heisst es in «Todesstrich». Gegenüber des Gefängnisses Thorberg stehe ein brauner Wohnwagen. Darin wohne eine Frau, deren grosse Liebe im Thorberg gefangen sei.
«Im Nachhinein bedaure ich ein bisschen, dass die Kommissarin so makellos ist», sagt Brand. Sie habe aber eben keinen Problemhaufen schaffen wollen. Kurt Wallander beispielsweise, die Hauptfigur in Henning Mankells Kriminalromanen, habe sie mit der Zeit angefangen zu nerven. Der übergewichtige Wallander befindet sich seit der Scheidung von seiner Frau in einer andauernden Midlife-Crisis. Irgendwann müsse auch bei Kommissarin Kunz ein Makel auftauchen, sagt Brand. «Ich könnte ihr eine grosse Ehekrise andichten.» Die Hauptrolle wird Lisa Kunz allerdings sowieso nicht behalten – bereits arbeitet Brand an einem nächsten Buch, Kunz werde darin aber nur noch eine Nebenrolle spielen können.
«So nicht, meine Tochter»
Nicht nur die Kommissarin ist eine starke Frau, auch von ihren Lesern verlangt Brand etwas ab. Nicht gerade leichte Kost ist etwa die Szene im Institut für Rechtsmedizin, wenn die Leiche der toten Drogenprostituierten seziert wird. «Als meine Mutter das gelesen hat, hat sie gesagt: so nicht, meine Tochter.» Daraufhin habe sie einige Passagen gestrichen, um Teile davon später wieder einzufügen.
Brutal, auf eine seltsame Art und Weise aber auch schön beschreibt die Autorin das Sterben der Opfer: «Sie dachte an Hannah, dachte an Yanis. Schloss ihre Augen. Wusste, dass es vorbei war, und konnte es irgendwie gar nicht richtig bedauern. Pralle Farben donnerten hinter ihren Augenlidern auf sie nieder und drohten sie zu erschlagen. Dann versank die Welt in einem dunklen Rot (...). Das Rot verfärbte sich, wurde dunkler und immer dunkler und schliesslich endlos schwarz.» «So habe ich mir das vorgestellt. Sie gehen einfach», sagt Brand. Wahrscheinlich habe sie ein unverkrampftes Verhältnis zum Sterben. «Mein Vater war Dorfschreiner und Leichenbestatter. Das prägt einen, der Tod war nie ein Tabu.»

